Es gibt nur zwei biologische Geschlechter


Mario Lindner von der SPÖ wünscht sich einen konstruktiven Diskurs.


March 01, 2026

Der Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat Mario Lindner (SPÖ) konnte es nicht lassen und musste auf seine falsche Aussage, dass es mehr als zwei biologische Geschlechter gebe, noch einen draufsetzen. Er zitiert dabei das Posting einer Medizinerin, die Altbekanntes und bereits dreimal Durchgekautes über Variationen in der biologischen Entwicklung von Menschen anführt. 
Ja, der menschliche Organismus ist ein komplexes System, und ja, ein einzelner menschlicher Organismus kann sich daher auf vielfältige Weise von anderen unterscheiden. Aber die Komplexität in der Geschlechtlichkeit eines individuellen Organismus ist nicht dasselbe wie die Komplexität der Geschlechter des Menschen. Schon gar nicht bezogen auf das Genom, wie es die Medizinerin Annika anspricht, da Gene nicht der Bauplan des Körpers sind, sondern nur die Bibliothek aller für den Bau zur Verfügung stehenden Pläne. Das heißt: Das Genom ist eine Sache – welche Baupläne hervorgeholt werden, um den Körper zu bauen, eine andere. 
Es ist in den letzten Jahren nun wirklich oft genug wiederholt worden, dass das Geschlecht von den sogenannten Gameten abhängt, von denen es beim Menschen nun einmal genau zwei gibt. Das Geschlecht eines Menschen legt sich demnach in der sechsten Schwangerschaftswoche fest, wenn sich die Keimzellen des Fötus während der Aus- bzw. Zurückbildung der Wolffschen und Müllerschen Gänge ausdifferenzieren. Das ist keine willkürliche Festlegung, weil es anhand von Gameten definiert wird, die über das gesamte Tierreich hinweg Geschlecht definieren und nicht nur beim Menschen. Jeder Mensch hat damit ein eindeutig feststellbares Geschlecht. Nur kann dieses Geschlecht nicht immer so einfach bestimmt werden. 
Ja – wie gesagt – ein individueller menschlicher Organismus ist ein komplexes System, und es gibt viele Variationen, von denen uns Politiker*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen mit derselben Geisteshaltung wie Mario Lindner immer wieder erzählen. Diese Form der Wissenschaftskommunikation ist aber an sich problematisch und erinnert an das Vorgehen der Klimawandelleugner. Man kann sich auch in Klimafragen ellenlang darüber unterhalten, dass die Messmethoden fehleranfällig, die Modelle ungenau, die Theorien lückenhaft oder die Stakeholder von individuellen Interessen geleitet sind. Aber das ändert nichts daran, dass, wenn man sich alle Daten in ihrer Gesamtheit anschaut, ein klares Bild entsteht: Es gibt den Klimawandel, und es gibt nur zwei biologische Geschlechter. Auch dann, wenn der Gentest nicht immer zu 100 % treffsicher ist, wenn das äußere Erscheinungsbild ein anderes als erwartet ist und wenn der Ansatz anderer Genitalien vorgefunden wird. 
Aber Wissenschaft sei doch zielgerichtet, und je nach Ziel gebe es andere Begriffe, Grundannahmen, Abstraktionen, Anpassungen und Methoden. Wäre es dann nicht willkürlich, eine Definition aus einem zielgerichteten Kontext der anderen vorzuziehen? Stimmt – aber nein. Denn wissenschaftliche Theorien leben auch unter dem Gesichtspunkt der Modellbildung nicht im theoretischen Vakuum. Man kann tatsächlich das Geschlecht je nach Fragestellung sinnvoll über Gene, Hormone, Physiologie oder gar nur einzelne Parameter wie die Körpergröße präzise definieren. Das muss man in gewissen Untersuchungen sogar so machen, um klare, belastbare Daten zu bekommen. Aber solche modellhaften Fragmente biologischer Erklärung stehen nicht allein; sie werden durch ein Theoriegebäude eingebettet und interpretiert. 
Aber wäre es dann nicht trotzdem besser, wenn es so viel Variation gibt, das Geschlecht eher als Spektrum zu sehen? Nein. Der Grund dafür ist simpel. Geschlecht als Spektrum zu sehen heißt nicht, etwas Neues über Geschlecht herauszufinden, sondern den Geschlechtsbegriff aufzugeben und durch ein Spektrum zu ersetzen. Das kann man machen, aber dadurch wird weder das Sprechen über zwei Geschlechter falsch, noch entbindet das den Spektrumbegriff davon, wissenschaftlichen Standards zu genügen. Der neue spektrale Begriff muss sich als fruchtbar erweisen – und das wird er in der Evolutionsbiologie wohl nicht tun. 
Was ist überhaupt ein Spektrum? Spektren werden gerne eingeführt, wenn die bisher verwendeten Begriffe vage sind oder das Phänomen viele komplexe Faktoren berücksichtigen muss. Mit dieser Einsicht können wir gleich mit einem der gängigen rhetorischen Tricks in der Transdebatte aufräumen. Spektren sind nicht die komplexere Theorie; das Einführen eines Spektrums ist immer eine Vereinfachung. Immer dann, wenn ein Phänomen sehr komplex ist und die einzelnen Faktoren unüberschaubar werden, führt man ein Spektrum ein, um diese Faktoren zu kontrollieren. 
Ein Beispiel sind neurologische Phänomene wie Autismus. Das Gehirn ist ein komplexes System. Das, was wir extern als Autismus wahrnehmen, muss im Gehirn erst noch erforscht werden. Man verwendet daher diverse Methoden, um Daten zu sammeln, gewichtet diese und ordnet einen Probanden auf dem Autismus-Spektrum ein. Im Falle des Geschlechts ist es genau andersherum. Nicht das äußere Phänomen scheint uns klar und die Mechanismen im Körper unklar, sondern der Mechanismus im Körper ist vergleichsweise einfach: Es ist das Gewebe, das die Gameten produziert. Die äußeren Manifestationen sind hingegen komplex. Geschlecht ist also gerade kein Spektrum. 
Und was ist mit Vagheit? Ist Geschlecht nicht, eben weil es komplexe Manifestationen hat, vage? Kann sein. Vielleicht irre ich mich auch, und das mit den Keimzellen beim Menschen ist nicht so eindeutig, wie ich eben behauptet habe. Ich komme ja nicht aus der Biologie, sondern aus der Logik. Aber das ist egal, weil nach den Erkenntnissen der Logik vage Begriffe kein Spektrum erzeugen. 
Betrachten wir das Adjektiv „groß“. Ob jemand groß ist, ist klar vage. Wenn jemand 1,90 Meter misst, dann ist er groß; wenn jemand 1,60 Meter misst, dann ist er nicht groß, also klein. Aber es gibt klar Menschen, bei denen wir uns nicht sicher sind, ob wir sie groß oder klein nennen wollen. In der Logik gibt es drei Lösungsvorschläge, um damit umzugehen. Spoiler: Keiner löst das Problem. Diese sind mehrwertige Logik, Fuzzy-Logik und Superevaluationismus. 
Mehrwertige Logiken sind Ansätze, bei denen es mehr Möglichkeiten für Sätze gibt als nur, dass sie entweder wahr oder falsch sind. Diesen Ansatz kann man gleich wieder vergessen, weil er, angewendet auf Vagheit, selbstwidersprüchlich ist. Der Widerspruch entsteht so: 
„Groß“ und „klein“ sind vage, daher braucht es einen dritten Begriff, z. B. „mittelgroß“, für die Grenzfälle. „Julian ist groß“ ist dann wahr, wenn er groß ist, falsch, wenn er klein ist, und hat einen dritten Wahrheitswert, wenn er ein Grenzfall ist. Aber dann kann ich ja klar sagen, wann Julian mittelgroß ist; nämlich wenn "Julian ist groß" den dritten Wahrheitswert hat. Wenn man aber klar sagen kann, dass Julian mittelgroß ist, dann ist „groß“ nicht vage. Es hat dann ja eine klare Grenze zu „mittelgroß“. Also ist „groß“ nicht vage, was ein Widerspruch zur Annahme ist, dass „groß“ vage war. Damit sind alle Ansätze mit mehrwertiger Logik unsinnig. Dasselbe gilt für das dritte Geschlecht als Grenzfall von männlich und weiblich.
Also weiter mit Fuzzy-Logik. Fuzzy-Logik einzusetzen heißt im Wesentlichen zu sagen, dass sich hinter „groß“ eigentlich eine Relation von „größer“ verbirgt. Denn so werden Fuzzy-Logiken aufgebaut. Aber hinter Vagheit verbirgt sich gar keine Relation. Das klärt ein Beispiel: „Julian ist größer als Martin“ ist eine Relation, die vage oder nicht vage sein kann – es kommt darauf an, wie nahe Julians Größe an Martins herankommt. Daher löst „größer“ die Vagheit nicht auf. „Martin ist groß“ und „Julian ist groß“ können beide klar wahr sein, ohne in Relation gesetzt werden zu müssen. Daher ist Vagheit auch ohne Relation kein Problem. Vagheit und Vergleich sind nicht dasselbe, und hinter „groß“ versteckt sich nicht die Relation „größer“. Analoges gilt für "weiblicher" und "männlicher".
Mit dem Superevaluationismus müssen wir uns hier nicht beschäftigen, denn dieser Ansatz liefert gar nicht das, was Mario Lindner und seine Geistesgenoss*innen wollen. Superevaluationismus gesteht nämlich die Existenz von Grenzfällen zu, würde aber im Falle von Geschlecht dennoch klar machen, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Das liegt daran, dass dieser Ansatz alle möglichen (willkürlichen) Zweiteilungen berücksichtigt, ohne einer den Vorzug zu geben – aber damit natürlich immer zweiteilt. 
Habe ich vorher nicht gesagt, dass jemand 1,90 m groß sein kann? Und habe ich damit nicht ein Spektrum eingeführt? Die Messung über die Einheit Meter definiert ja ein Spektrum. Stimmt, tut sie. Aber das hilft Mario Lindner und seinen Geistesgenoss*innen nicht. Man kann immer für wissenschaftliche Zwecke einen formal exakten Begriff entlang einer Messmethode einführen. Nur, wie ich vorhin gesagt habe, ersetzt das nicht den alten Begriff durch einen neuen, sondern setzt nur einen zweiten Begriff parallel zum ersten. 
Das wird klar, wenn man sich „Größe“ in der Biologie ansieht. Die Aussage „Große Männchen haben einen evolutionsbiologischen Vorteil“ kann eine wahre und wichtige Aussage in der Evolutionsbiologie sein. Sie kann aber nicht einfach durch eine Aussage über die Körpergröße in Metern umgeformt werden, eben weil „groß“ vage ist. Man kann sie schon ersetzen – etwa mit einer Wahrscheinlichkeitsverteilung der Fortpflanzung in Abhängigkeit von der Körpergröße in Metern –, aber das macht die ursprüngliche Aussage nicht weniger wahr. Sie ersetzt sie nur durch eine andere. Hier können wir keinen Aanalogie zu den Geschlechtern ziehen wie in den anderen drei Fällen, denn im Falle des Geschlechts hat noch nicht einmal jemand eine solche „Geschlechtseinheit“ definiert.  Dahinter verbirgt sich die Frage, was denn auf der x-Achse des Geschlechterspektrums steht – eine Frage, die noch kein Transaktivist je beantworten konnte. 
Mario Lindner hat sich über die Medizinerin Annika und ihren konstruktiven Beitrag gefreut. Ich hoffe, er freut sich auch über meinen konstruktiven Beitrag, auch wenn ich trotz aller Konstruktivität anderer Meinung bin als er. 

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