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Die Angst vor Männern, die nicht mehr Männer sein wollen


November 07, 2026

Es ist ein interessantes Phänomen des Internet-Feminismus von Frauen mittleren Alters, dass sie ab einem gewissen Zeitpunkt in der Diskussion klassische bzw. traditionelle Verhaltensmuster von Männern einfordern. In Fragen der Wehrpflicht, des alltäglichen Verhaltens oder des Arbeitsmarktes herrscht zunächst ein gewisser Tribalismus gegen Männer, der dann ziemlich schnell in die Position kippt, dass Männer es ja ohnehin nicht bringen. Dass es irgendwo da draußen Normen gäbe, wie ein richtiger Mann zu sein habe, denen Männer (heutzutage) aber nicht mehr entsprechen. Außerhalb des Internets ist mir das sogar innerhalb einer sehr radikal-feministischen Gruppe aufgefallen. Auf die Frage eines Mannes, was man von ihm erwarte, meinte eine der führenden Intellektuellen der Gruppe: „Dass Männer sich mehr an der schützenden Mutter orientieren.“ Die Anforderungen dieser Gruppe von Frauen an Männer haben sich also nicht besonders stark gewandelt: Man will immer noch, dass Männer in gewissen Situationen schützen und führen.

Der stabile Mann

Auf der rechten Seite des politischen Spektrums muss man eine solche Position nicht lange suchen. Das rechtskonservative Medium PragerU ist ganz explizit in seiner Analyse: Die Gesellschaft geht an effeminierten Männern zugrunde. Wenn Männer ihre Maskulinität nicht voll akzeptieren, dann entsteht alles Böse auf der Welt, von Vergewaltigung bis Krieg. Wenn sie ihre Maskulinität aber akzeptieren, dann können sie Krieger, Anführer und Helden sein. Das Argument kennen wir gut (nur mit einer etwas anderen Tonlage) auch von linker Seite. Man denke nur an das Beispiel der Incels, die man belächelt, weil sich ihr Frauenhass aus ihrer unzureichenden Maskulinität speise. Das passt zu einer Auseinandersetzung, die ich mit einem Offizier des österreichischen Bundesheeres hatte, der während der Truppenübungen absichtlich vor den Rekruten rosa Zigaretten raucht, um deren gekünsteltes Alpha-Mann-Gehabe zu konterkarieren. Ein echter Mann fühle sich nämlich von femininen Dingen nicht in seiner Maskulinität bedroht. Diese sei schließlich stabil. Und genau das sollten die Jungs beim Bundesheer ebenfalls lernen: wie man ein echter Mann ist, ein Mann, der wirklich maskulin ist, auch mal rosa tragen kann, und damit zum Krieger und Helden wird. Der Punkt betrifft aber auch den Zivildienst. Wenn man als Mann den bewaffneten Kampf ablehnt, gibt es zwei Kategorien, in die man fällt: Pazifist oder Feigling. Es ist nur merkwürdig, dass man als Mann intellektuell ein Wertesystem vertreten muss, eben Pazifismus, um nicht als Feigling zu gelten, während Frauen ihre Ablehnung überhaupt nicht rechtfertigen müssen.

Jungs oder Männer?

Aber sollte es unter den Queers nicht anders sein? Tasten wir uns langsam vor. Der deutsche Autor Nils Pickert, eine Stimme im Kampf gegen Gendernormen, wurde bekannt, weil er als heterosexueller Mann einen Rock getragen hat. Getan hat er das, damit sein Sohn sich ebenfalls traut, einen zu tragen. Also in seiner Rolle als Vater und Beschützer. Dass Pickert einfach so einen Rock anzieht, ist wohl eher zu bezweifeln. Auch ob der Sohn dabei bleibt, einen tragen zu wollen, sei dahingestellt. Der Unterschied zwischen Jungs und Männern ist hier wesentlich. Unter Schwulen ist die Grenze dazwischen durch den sogenannten Twink-Death bekannt. Davor erlauben es die ästhetischen Standards, eine gewisse Feminität zu zeigen und dennoch als sexy und begehrenswert zu gelten. Nach dem Twink-Death sollte man sich aber bitte einen Bart wachsen lassen, Muskeln aufbauen und zwischen Anzug und Sportswear hin- und herwechseln. Denn dann ist es nicht einmal mehr schön und so ganz männergerecht war es ja sowieso nie. Es beschränkt sich aber nicht auf Make-up und Kleidung. Stephen Brenland ist ein eher kleinerer schwuler Instagram-Influencer, der immer stark geschminkt auftritt und besonders mit Content zu neurologischen Fragestellungen auffällt. Kürzlich hat er jedoch entdeckt, dass er lieber Frauen daten würde, weil diese ihre göttliche Feminität akzeptierten, während Männer nicht wüssten, wie man ein Mann ist. Männer wollten nämlich Prinzessinnen sein. Na und?

Echte Alpha-Männer

Das Zugeständnis, bei Kleidung und Make-up frei zu sein, gleichzeitig aber weiterhin den Anforderungen männlicher Normen entsprechen zu müssen, ist in der LGBTQ-Szene oft anzutreffen. Es liegt tief in der Vorstellung verwurzelt, dass viele Schwule glauben, von heterosexuellen Männern als Männer akzeptiert werden zu müssen, um Diskriminierung abbauen zu können. Bekannte Slogans zu diesem Thema sind: „Some are pigeons and others are peacocks.“ Aber nichts entspricht mehr dem klassischen Männerbild als der Pfau. Der Pfau ist nicht farbenfroh, weil er schön sein will, sondern weil er Weibchen beeindrucken will. Und er nimmt sich nicht die Zeit, sich schön zu machen, sondern zeigt damit, dass er sich ein prächtiges Federkleid leisten kann. Die Federn des Pfaus sind der BMW des Alpha-Manns. Kürzlich fühlte sich daher Riccardo Simonetti dazu gezwungen, öffentlich klarzustellen, dass er „am Ende des Tages […] der Alpha-Mann“ ist. Warum ist es eigentlich nicht okay, als Schwuler vollständig aus der Hierarchie der Männer herauszufallen? Warum ist es nicht okay kein „richtiger“ Mann zu sein?

 

Offensichtlich fürchtet sich die Gesellschaft davor, dass es Männer gibt, die gar nicht nach den Idealen des Mann-Seins streben. Dieser Angst scheinen einige begegnen zu wollen. Entweder, indem sie klarstellen: „Wir sind eh Frauen“ oder: „Wir wollen eh Alpha-Männer sein, aber eben mit Glitzer.“ Die Behauptung, dass sich unser Männerbild im Vergleich zu früher wesentlich gewandelt hat, scheint also falsch zu sein.


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